Impressionen

Fliegende Heimat - Der Film

In Zusammenarbeit mit Boris Polonski ist aus unseren Interviews und dem gesamten Projekt ein toller Film geworden. Die Kurzfassung gibt's direkt hier auf der Seite. Viel Spaß beim Anschauen.


Ein Film von Katharina Mayer

Produziert von Boris Polonski

Vernissage 2. Dezember 2016

Am 2. Dezember haben wir unsere Ausstellung in der fiftyfifty Galerie eröffnet.

Es war ein toller Abend und ein toller Start in die Ausstellung, die bis zum 13. Januar 2017 in der Galerie zu sehen sein wird.

 

Um Ihnen einen kleinen Eindruck des abends zu vermitteln folgen hier einige Impressionen.


Flying Home

Unser Lied zur Projekt Fliegende Heimat ist fertig!

Er trägt den Titel Flying Home. Hören Sie doch einfach mal rein. 


Photo Weekend 2016

Ein Film von Tobias Vorwerk

Unser alter Wohnwagen ist auch so ein Stück Heimat von uns. Wir besitzen ihn schon seit fast dreißig Jahren! Wohin wir auch damit hinfahren, bietet er uns doch immer ein gemütliches, persönliches Zuhause.

 

- Natalie Wiegand -


Fliegende Heimat – der glückliche Raum

3 Tage lang hat uns Martin van Neuß seinen liebevoll gearbeiteten Holz-Wohnwagen Gipsy aus seinem privaten Besitz zur Verfügung gestellt. Wir haben diesen sehr persönlichen Raum in ein zeitlich begrenztes Foto-Film-und Tonstudio verwandelt. Axel Grube, Lucy Jansen und ich haben in dieser Zeit viele Menschen empfangen.

 

In vielen neugierigen Blicken und spontanen Äußerungen unserer zahlreichen Besucherinnen und Besucher kam etwas zum Vorschein, was ich mit einem unschuldigen Kinderlächeln vergleichen möchte. Als ob dieser Wagen ein Haus der Kindheit verköpere, diesen Erinnerungsraum, den wir alle in uns tragen als Ort unserer ganz persönlichen, existenziellen Erfahrungen. Die Einladung zu einem Interview über die Bedeutung von Heimat an einem solchen Ort entwickelte sich für die meisten Besucherinnen und Besucher zu einer Möglichkeit, über das Mehr als Heimat zu erzählen.

 

Es war, als ob wir die Menschen zu einer kleinen Träumerei verführt hätten.

 

Und auch für uns, die wir uns Fragen überlegt hatten und den Ablauf: Vom Interview zu einer Kernaussage zum Fotoportrait, Filmportrait und Filmstatement, gab es weiterführende Momente, vor allem in der Feinheit, die sich im miteinander Sprechen zeigte.

 

In seinem Hauptwerk Poetik des Raumes hat Gaston Bachelard schon 1957 die Frage gestellt, welche Werte für Menschen in Besitzräumen wie Häusern stecken. Er hat den Raum als erfahrbares Etwas, in all seinen empfindungsmäßigen Konsequenzen untersucht und analysiert und ist zu der Erkenntnis gekommen, dass Räume einerseits messbare Einheiten sind, aber auch erlebbare und in der Imagination stattfindende Möglichkeitsräume und Gedankenbilder. In diesem Zusammenhang spricht Bachelard vom glücklichen Raum.

 

Vielleicht haben wir das Glück, dass sich in unserem besonderen und sehr engen, mobilen

Raum heimische Möglichkeitsräume öffnen, die gleichzeitig einem wesentlichen Teil unser aller Existenz zugrunde liegen: unseren Erinnerungen an das, was Heimat für uns bedeutet.

 

- Katharina Mayer -


Kleines Resümee zu den Gesprächen und Interviews                                          zur Kunstaktion Fliegende Heimat

 

Im Laufe der Aktion hat sich die Situation immer mehr von den ursprünglich

vorgesehenen Einzelgesprächen zu aufeinanderfolgenden Gruppengesprächen

mit 3 bis 5 Teilnehmern entwickelt.

Die Atmosphäre der Gespräche habe ich als überaus schön erlebt; als belebend,

ermutigend, ja mitunter euphorisierend und berührend. Ich glaube, den Teilnehmer

und Besucher ging es ähnlich.

Die Sorge, allzusehr in Stereotype zu verfallen, hatte sich bald zerstreut. Mit

beinahe jedem Teilnehmer hat sich ein neuer Aspekt gezeigt, den man zur Anregung

des weiteren Gespräches aufgreifen konnte. So ergab sich, was man sich

vom Gespräch erhoffen mag - oder wofür, wie sich ebenfalls bei dieser Gelegenheit

gezeigt hat - auch eine Sehnsucht besteht: Der öffnende, sympathetische

Austausch, das Auftauchen des überraschenden - für den Sprechenden selbst -

neuen Gedankens, die Vielfalt, Ambiguität und zugleich auch das Allgemeine

der einzelnen Stimmen. All dies durchaus in der Tradition des sokratischen und

talmudischen Gesprächs - und auch im Sinne des Kleist´schen Wortes von der

»allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Reden«.

Bestärkt wurde die Situation sicher auch durch den Kontrast des engen und beweglichen

Holzraumes auf grossem Platz vor der massiven schwarzen Wand des

Kunstpalastes. Ein irgendwie »ganz Anderes«, seine Möglichkeit und und die

stumme Sehnsucht danach mag sich hier andeuten.

 

- Axel Grube -


Impressionen Fliegende Heimat

Sie stehen Schlage. Sie alle wollen ihre Heimatgeschichte erzählen. Ihr Verständnis

von einem Begriff, für den es in manchen Sprachen nicht einmal eine synonyme

Übersetzung gibt. Da ist zum Beispiel Rubito, ein 52-jähriger Flamenco-Musiker,

der immer seine Gitarre dabei hat. Er wohne nirgendwo, er reise herum, erzählt

der gebürtige Spanier. Heimat sei für ihn die ganze Welt. Und: Heimweh habe er

eher nach Menschen als nach Orten. Rubito spricht Deutsch mit niederländischem

Akzent. Während er von seinem Leben erzählt, kommen Carola die Tränen. Sie

erinnert sich an ihre eigene Zeit auf der Straße. Auch für sie war Papier eins der

wichtigsten Utensilien, das man immer reichlich dabei haben sollte. Falls man

mal Klopapier brauche.

Carola begleitet das Projekt „Fliegende Heimat“ bereits den dritten Tag. Sie ist

begeistert, angeregt. Hält das Mikrofon, als gehöre sie schon fest zum Team.

Ihren Satz für die Kamera hat sie sich lange überlegt: „Heimat ist für mich die

Sprache, in der ich Bücher lesen kann, und die ich dann auch verstehe.“ Auch im

Projekt-Wohnwagen fühle sie sich schon richtig heimisch mittlerweile.

Es ist auch der Wohnwagen, der Rubito aufgefallen ist. Weil er selbst lange Zeit

mit einem „Zigeuner-Wohnwagen“ unterwegs gewesen sei. Zwischen Kunsthalle

und K20 auf dem Grabbeplatz steht „Gipsy“ wie ein kleiner Solitär. Braun-Orange

leuchtet er vor der dunklen Fassade des K20, sticht fröhlich hervor auf dem Grau

des Asphalts, im trüben Regenwetter. Passanten schauen neugierig durch die

kleinen Fenster, die sein Erbauer liebevoll mit Gardinen versehen hat. Drinnen

wird’s eng. Hier herrscht ein charmantes Chaos. 

Axel Grube führt die Interviews im hinteren Teil am Tisch. Interviews, die sehr

persönliche Lebensgeschichten, politische Überzeugungen, berufliche Erfahrungen,

gesellschaftliche Zusammenhänge, Ängste und Wünsche hervorbringen.

„Das Thema ‚Heimat’ liegt mir gerade am Herzen“, erzählt der 67-jährige Gerd aus Köln.

Über das Eigene und das Fremde denke er seit einem Fotografie-Workshop sehr

viel nach. Eine Definition von Heimat kann auch mit diesen Begriffen zusammenhängen.

Oder mit der Erfahrung einer bedingungslosen Liebe, die eine Ärztin in der Kinder-

und Jugendpsychiatrie für unerlässlich hält für ein festigendes Gefühl von Heimat,

von Wärme.

Vorne im Wohnwagen fotografiert und filmt die Künstlerin Katharina Mayer.

Auf den Porträts sind mal lachende, meist aber ernst oder nachdenklich blickende

Menschen zu sehen. Männer und Frauen, auch Kinder. Der Hintergrund ist immer

gleich, grau-beige. Neutral gehalten, die Kamera konzentriert sich ganz auf den

Menschen, seinen Gesichtsausdruck. Eine Art Film Still. Katharina Mayer sagt

nicht, wie jemand schauen soll. Sie inszeniert nicht. Sie lässt zu. Hat sie im

vorhergehenden Interview etwas Spannendes gehört, bohrt sie nach. „Du bist

Flamenco-Musiker. Kannst du etwas spielen?“ Dann stimmt Rubito seine Gitarre.

Draußen warten die nächsten. Aber alle nehmen sich die Zeit. Rubito spielt vor der

Kamera. Es ist ein verstörend-melancholischer Moment. Ein Innehalten.

Heimatgeschichten brauchen Zeit. 

 

- Sarah Heppekausen -


Impressionen Lucy Jansen

In den letzten drei Tagen ist der Wagen für mich zu einer Art „Heimat auf Zeit“ geworden.

Beinahe pausenlos waren alle Steh- und Sitzplätze belegt. In ihm ist eine eigene kleine Welt

entstanden. Menschen mit den unterschiedlichsten und interessantesten Geschichten,

Meinungen und Lebensarten kamen und gingen durch die kleine Tür. Manche von ihnen

fühlten sich gleich so heimelig, dass sie gar nicht mehr gehen wollten. Zwischen den ganzen

Gesprächen, Fotos, und Videos habe ich gar nicht mehr mitbekommen, was außerhalb des

Wagens passiert ist. Das Regenwetter, die vorübergehenden Menschen und die

Dämmerung. Als der Eigentümer des Wagens am Sonntagabend zur Abholung kam und die

vielen Leute sah, sagte er nur: „Oh, so viele Menschen in meinem kleinen Wagen… Das

dürfte ein neuer Rekord sein!“.

Heimat kann, wie die zahlreichen erzählten Geschichten bestätigen, fast alles sein.

Autonummernschilder, der eigene Körper, die ganze Welt oder nichts. Für mich war es eine

riesige Bereicherung, dass ich bei dem Projekt „Fliegende Heimat“ mitarbeiten durfte und es

hat mir großen Spaß gemacht.

 

- Lucy Jansen -